Endlich ist der Frühling da. Ich habe dieses lange Osterwochenende damit verbracht, meinen Balkon aufzuräumen und endlich für den Sommer vorzubereiten. Das heisst: Ich habe Pflanzen gestutzt, den Boden geschrubbt, die Möbel geputzt, meinen Beistelltisch abgeschliffen und neu lackiert, Rindenmulch verteilt. Solche Dinge zu tun gibt mir eine unglaubliche Befriedigung. Ich schlüpfe in alte, durchlöcherte Jeans, höre Podcasts, arbeite vor mich hin und bin in meiner eigenen, kleinen Welt.

Am Samstagabend sass ich dann auf meinem Balkon mit einem Glas Rosé und dachte: Das hier ist mein Inbegriff eines «Happy Place». Wenn ich auf meinem Balkon sitze und ab und zu mit meinen Pflanzen spreche, bin ich am zufriedensten. Vielleicht hat mich deshalb das schlechte Wetter der letzten Wochen so runtergezogen – die Weltlage spiegelte sich in den grauen Wolken über Zürich. Aber jetzt, wo meine Glyzinie den ersten blauen Blütenschauer vorsichtig vorbereitet, die weiss-rosa Magnolien meiner Nachbarn sanft im Wind wehen und erste Bienen vorbeifliegen – gestern landete eine neben mir auf dem Tisch, hatte zu viel Anlauf und stolperte buchstäblich auf der Landebahn, was ich sehr herzig fand –, spüre ich wieder mehr Lust auf die Welt.

Am Morgen in der Sonne rumliegen, am Abend Windlichter anzünden und dazwischen immer schön mit den Pflanzen reden.

Ich habe – während ich buddelte und schliff und stutzte – viel über Hoffnung nachgedacht. In meinen letzten beiden Ausgaben ging es um den Verlust dieser Hoffnung und um den Schmerz, den wir fühlen, bevor wir uns überhaupt wieder trauen zu hoffen. Zwei Newsletter geprägt von einer gewissen Schwere. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich hatte fast ein wenig Angst, mich zwei Mal hintereinander mit so viel Kummer und Wut an euch zu wenden. Aber anders wäre es nicht möglich gewesen – und das ist auch völlig okay. Manchmal braucht das Leben Kummer. Und Wut.

Ich möchte mich für eure Zuschriften bedanken. Es bedeutet mir viel zu wissen, wie es euch geht. Und ich möchte diesen Frühlingsanfang nutzen, um euch etwas Hoffnung zurückzugeben. Deshalb habe ich ein paar inspirierende Menschen aus meinem Umfeld gefragt, was ihnen gerade Hoffnung bereitet.

Meine eigene Antwort? Ich schöpfe ganz viel Hoffnung aus den Verbindungen mit genau solchen Menschen. Menschen, die mich bei einem gemeinsamen Apéro auf neue Ideen bringen, die mir Artikel per Nachricht schicken, denen ich auf Instagram folge und denke: Wow, wie toll, was sie macht! Wie interessant, wie er sich ausdrückt! Menschen – egal ob ganz nah oder weiter weg –, die kluge Dinge schreiben, denken, kreieren und mich damit inspirieren.

Viel Spass beim Lesen – und eine kleine Bitte in eigener Sache: Dieser Newsletter erscheint alle zwei Wochen und ist Teil meiner Arbeit als Creator-Journalistin. Falls ihr mich unterstützen möchtet, freue ich mich über ein Abo (einfach hier entlang). Bereits ein kleiner Beitrag hilft mir, diese Arbeit weiterzumachen.

Danke, dass ihr hier seid. 🩷

Was bereitet dir gerade Hoffnung…

…Raphaela Pichler?

Raphaela Pichler ist Fotografin, interdisziplinäre Künstlerin und Mitgründerin des House of Change. Foto: Mirjam Kluka

«Gerade in herausfordernden Zeiten hilft es mir, aktiv zu werden und mich mit anderen kreativen Menschen zu verbinden und zu kreieren. Kommendes Wochenende ist so gemeinsam mit fünfzehn kreativen Köpfen aus der Schweiz eine kooperative Installation entstanden. Zu erleben, wie aus Ideen etwas Sichtbares wird, gibt mir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Hoffnung.»

(Mehr Infos zum House of Change gibt es hier)

…Annik Hosmann?

Annik Hosmann ist Journalistin, strategische Projektleiterin und Mitgründerin von Readtreat.
Foto: Jonathan Labusch.

«Bücher helfen mir immer. Immer. Fiktionales, um abzutauchen, oder Nicht-Fiktionales, das mir etwas Hoffnung gibt – zum Beispiel die Essays von Rebecca Solnit oder die Bücher von Gabriele von Arnim. An finsteren Tagen greife ich zu einem Gedichtband von Mascha Kaléko. Und wenn gar nichts mehr geht: ein Kochbuch. «Sweet Enough» von Alison Roman, wenn ich Desserts und Weltschmerz mit Freund:innen teilen will. Alles von Splendido, wenn ich mich nach Italien kochen will. Und die kleinste Freude, die eigentlich immer hilft? Ein heisser Teller Pasta – am besten in einer lustigen Form.»

(Mehr Infos zum Readtreat von Annik gibt es hier)

…Frédérique Hutter?

Frédérique Hutter ist seit über 30 Jahren in der Kunstwelt tätig, leitete internationale Galerien, gründete 2008 «Katz Contemporary» und führt heute mit «Frédérique Hutter Art Concept» ein vielseitiges Programm aus kuratorischen Projekten, Künstlerförderung und Sammlungsaufbau.
Foto: Mirjam Kluka

«Was mir im Moment Hoffnung macht, sind diese leisen, echten Momente, die man nicht planen kann. Während der Ausstellung «Komfortzone» mit Florian Bühler erlebe ich immer wieder, wie Menschen stehen bleiben, schauen, ins Gespräch kommen – und sich auf etwas einlassen, das Zeit braucht. Das freut mich auch persönlich sehr, weil ich weiss, wie viel Geduld und tägliche Arbeit in diesen Werken steckt – es entstehen über Jahre nur wenige Bilder.

Gerade solche Augenblicke zeigen mir, dass wir noch gar nicht so abgestumpft sind, wie oft behauptet wird. Dass wir das Wesentliche noch erkennen, wenn wir uns ein wenig Zeit nehmen. Ich finde mein Glück im Kleinen, im Mikrokosmos – besonders dann, wenn es im Grossen etwas stürmisch ist. Und vielleicht liegt genau darin eine leise, beständige Hoffnung.»

(Die Ausstellung «Komfortzone» ist noch bis Mitte April in der Kirchgasse 30 in Zürich zu sehen. Alle weiteren Infos findet ihr hier)

…Walesca Frank?

Walesca Frank ist Creative Director.

«Viele kleine Akte des Guten ergeben etwas Grosses. Daran möchte ich festhalten.»

…Mario Stäuble?

Mario Stäuble ist Journalist beim Tages-Anzeiger.

«Wenn ich Inspiration und Schreibruhe brauche, gehe ich in die Ostschweiz. Auf die Anhöhe St. Anton in Appenzell Innerrhoden. Auf 1110 Metern leiten dort Laura Röösli und Dominic Chenaux den Alpenhof: Restaurant, Bibliothek, Hotel, Wetterbeobachtungsstation – und für mich: Jetzt-mal-vorwärtsmachen-Ort. Als Belohnung gibts am Ende des Tages ein Znacht von Röösli, die ihr Handwerk bei Tanja Grandits gelernt und von da aus weitergedacht hat. Kürzlich war ich wieder oben: sattgegessen, leergeschrieben.»

(Wer auch einen solchen Ort braucht: Der Alpenhof auf Instagram schreibt bald wieder Residencies aus.)

…Konrad Weber?

Konrad Weber macht als selbstständiger Strategieberater Menschen und Organisationen fit für die Zukunft.

«Wann hast du das letzte Mal Bienen summen hören? Den Vögeln aktiv beim Zwitschern zugehört? Oder gar das Pfeifen von Murmeltieren erkannt? Wenn es mir vor lauter Screentime, Care-Arbeit oder Weltkrisen zu bunt wird, zieht es mich in die Berge. Besonders schön ist ein Ausflug in die Natur mit einer guten Kollegin oder einem langjährigen Freund. Weshalb entstehen beim Wandern eigentlich immer die tiefsten und echtesten Gespräche?

Ich kann nur von Herzen empfehlen: Noch heute die nächste Tour planen – und eine Person einladen, mit der man schon viel zu lange nicht mehr gesprochen hat.»

…Olivia Röllin?

Olivia Röllin ist Moderatorin und Redaktorin Kultur Sternstunde Philosophie und «Persönlich» bei SRF.

«Freude hat mir kürzlich ein völlig unbekannter, aber sehr begabter Mensch bereitet. Ich weiss nicht, ob es ein Mann oder eine Frau war, ob ein Kind oder ein Erwachsener. Aber es war so: Nach einem sehr langen Tag im Homeoffice machte ich mich auf einen ausgedehnten Spaziergang durch mein Quartier. Dabei liess ich mich vor allem von der Lust leiten, Wege zu gehen, die ich noch nicht gut kannte. Die oberste Regel lautete: dem zu folgen, was mich gerade anzog – Häuser, Tiere, Strassennamen, Bäume, interessant wirkende Gässchen.

Ich sammelte dabei schöne Begegnungen mit Bäumen, warf Blicke in Bibliotheken, entdeckte eine mir unbekannte Kirche – bis ich plötzlich Klavierklänge hörte. Ich blieb stehen und sah mich um. Im zweiten Stock eines Altbaus entdeckte ich ein angekipptes Fenster. Dahinter sass ein Mensch, den ich nicht sehen, nur hören konnte, wie er leidenschaftlich in die Tasten griff. Ich lauschte minutenlang, ergriffen davon, wie jemand seinem Tag improvisierend Luft machte – und mir dabei gleich mit Auftrieb schenkte.

Vielleicht sollte man öfter das Fenster öffnen – nicht nur, um den eigenen Kopf zu lüften, sondern um der Welt etwas zuzumuten: einen Klang, einen Gedanken, ein Stück ungefiltertes Innenleben. Man weiss nie, wer unten stehen bleibt.»

Und was bereitet euch gerade Hoffnung oder Freude?

Ich freue mich auf eure Nachrichten!

Mit Liebe,

Zu meiner Person: Ich bin Journalistin, Podcasterin und Moderatorin. Ich war zuletzt in der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» tätig und davor stellvetretende Chefredaktorin bei «annabelle». Ich schreibe und rede über Politik, Popkultur, Zeitgeist- und Lifestyle-Themen und über Dinge, die mich in meinem Leben gerade beschäftigen. Du kannst meinen gleichnamigen Podcast «Hasse mit Liebe» auf Spotify oder Apple Podcast streamen oder auf Youtube anschauen. Schön, dass du hier bist!

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