Vor zwei Wochen habe ich in diesem Newsletter darüber geschrieben, wie müde ich am Tag der Frau bin. Dass ich mittlerweile nicht mehr weiss, woher ich die Energie nehmen soll, um für weniger Gewalt gegen Frauen oder mehr Gleichberechtigung anzuschreiben – oder anzureden.
Boy oh boy. Ich hatte ja keine Ahnung, was bald in den Schlagzeilen auf uns zukommt.
Aber zuerst nochmals zurück zur Müdigkeit: Auf diesen Text habe ich viel Feedback bekommen. Viele Frauen, die mir zusprechen wollten, die sich in meinen Worten wiedererkannten oder die mich darum baten, nicht aufzugeben (Danke dafür!). Ich bekam auch Feedback von Männern. Ein Freund schrieb mir, dass auch in seinem Rucksack einiges an Gewicht stecke und dass er die Typen, die gerade Schlagzeilen machten, auch nicht «so lässig» finde (eine Einstellung, die ich als the bare minimum bezeichnen würde, aber nun gut). Ein anderer Freund fragte mich, ob ich nicht fürchte, zu sehr in einen Aktivismus zu verfallen.
Das ist ein sensibles Thema für mich. Ich weiss, dass gerade in einer links-feministischen Bubble die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus manchmal fliessend sind. Ich bin sehr bemüht, diese Grenzen einzuhalten. Ja, ich veröffentliche Meinungstexte, aber auch darin versuche ich journalistische Fairness walten zu lassen. Ich glaube an einen Journalismus mit Haltung – dieser Newsletter ist nicht zuletzt ein Produkt dieser Überzeugung. Aber Haltung bedeutet für mich nicht, dass ich meine Augen verschliesse. Haltung bedeutet nicht, dass ich die Dinge einseitig sehe. Haltung bedeutet nicht, dass ich mich als Aktivistin sehe. Das tue ich nicht.
Warum schreibe ich all das?
💖 Das habe ich diese Woche geliebt:
Die letzten Tage waren hart. Also gibt es in dieser Ausgabe Dinge, die mir in den letzten Tagen Freude bereitet haben:
Ein Besuch auf dem Markt, das Blinzeln in die Sonne, ein Bund gelber Osterglocken, der mich jeden Tag in meiner Küche anlacht. Frühling, bist du es?
Meine Familie war zu Besuch und ich habe für sie alle gekocht. Mein persönliches Highlight war der Cheesecake, den ich nach dem Rezept von Noah Bachofen gebacken habe. So einfach und so gut!
Mein Neffe blieb für eine Nacht bei mir und wir sind mit dem Fahrrad durch Zürich geradelt, haben Pizza mit meiner Freundin gegessen und das erste Gelato der Saison genossen. Es ist schön, mit ihm über Dinge zu reden, die ihn als 13-Jährigen beschäftigen. Er wollte beispielsweise über meine Podcastfolge sprechen, in der ich über den viralen Artikel «Ist es peinlich, einen Boyfriend zu haben» aus der Vogue redete. Gefühlt war er doch erst gerade gestern ein Baby und jetzt sitzt so ein wunderbarer junger, reflektierter Teenager vor mir. Solche Jungs brauchen wir in unserer Zukunft!
Ich hatte diese Woche einen richtig guten Moderationsjob. Immer wieder erinnere ich mich daran, wie viel Glück ich damit habe, dass ich Menschen beruflich Fragen stellen darf.
Ich habe mir einen perfekten Matcha Latte zum Frühstück gemacht und jeder Schluck war eine Freude.
Diese Woche hat der «Spiegel» eine grosse Recherche publiziert. Es geht um die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, die ihren Mann Christian Ulmen beschuldigt, über zehn Jahre lang mit Fake-Profilen pornografische Deepfakes von ihr verschickt zu haben. Er soll Männer über Social Media Kanäle im Namen von Fernandes angeschrieben, ihnen gefakte Bilder, Videos und anzügliche Nachrichten geschickt und mit KI-generierter Stimme Telefonsex gehabt haben. Er soll gezielt auch Männer aus dem Umfeld von Fernandes kontaktiert haben – berufliche Kontakte, Männer, mit denen Fernandes später auf Filmsets sass. Als sie Ende 2024 Anzeige gegen Unbekannt erstattete, soll Ulmen seiner Frau gebeichtet haben, dass er hinter den Fake-Profilen stecke. Ulmen bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung. (Die ganze Recherche findet ihr hier).
Es gab dreierlei Gedanken, die ich spürte, nachdem ich diese Geschichte las:
Erstens: What the actual fuck?! Zweitens: Hab ich nicht gerade gesagt, dass ich müde bin?! Ich weiss nicht, ob ich die Energie habe, mich damit auseinanderzusetzen. Und wenn doch: Wie kann ich das journalistisch einordnen?
Der letzte Gedanke schien mir wichtig, weil sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete. Es spülte mir im Minutentakt neue Inhalte in meinen Feed, empörte Stimmen auf der einen Seite, teils furchtbare Kommentare in Kommentarspalten auf der anderen Seite – alles immer lauter! lauter! lauter!
Also versuche ich, ein wenig Abstand zu gewinnen.
Ich überlege mir, über was ich schreiben und reden könnte. Etwa über die Tatsache, dass es keinen Strafbestand für Deepfakes in der Schweiz gibt. Das ist problematisch, weil wir davon ausgehen können, dass mit der Verbreitung von KI solche Inhalte immer häufiger werden.
Ich denke über die Unschuldsvermutung nach. Sophie Passmann postet ein Video und sagt: Ich will das Wort nicht mehr hören. Ich überlege mir: Finde ich das gut? Und komme zum Schluss: Nein, tue ich nicht.
Und gleichzeitig weiss ich: Was bedeutet diese Unschuldsvermutung in so einem Moment eigentlich noch? Aus mir spricht hier kein Mitleid, aber es ist eine Tatsache, dass eine Verurteilung in unserer schnelllebigen, digital vernetzten Welt schnell passiert.
Ich reflektiere über die Fakten: Collien Fernandes musste über zehn Jahre aushalten, dass gefakte Bilder und Videos von ihr verschickt wurden. Manche – so schildert sie es auf Instagram – zeigten sie in brutalen Szenen, etwa als Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Sie musste es aushalten, dass geschäftliche Kontakte von ihr mit anzüglichen Nachrichten kontaktiert und ihre Professionalität angegriffen wurde. Sie musste damit leben, dass Menschen sie als Schlampe bezeichneten und sie schamlos objektifizierten.
Diese verbreiteten Inhalte waren nicht «echt» – aber was heisst das überhaupt? Was bedeutet es, dass ein Nacktbild nicht echt ist, wenn nur ich selbst das weiss? Für den Rezipient sind sie echt. Auch darüber denke ich an diesem Wochenende viel nach.
Ich sehe all die Posts und Reels, in denen gefordert wird, dass Männer mehr Stellung beziehen. Ich verstehe den Wunsch, denke mir aber auch: Bringen mir Statements von Männern jetzt wirklich etwas? Und, ganz ehrlich: Nehme ich das denen überhaupt ab?
Die ersten Worte, die in Bezug auf diese Frage bei mir wirklich Anklang finden, kommen vom deutschen Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. Auf Instagram schreibt er am Sonntag: «Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich leider gelehrt, dass wir, vor allem wir Männer, uns einen Satz wirklich abgewöhnen müssen: ‹Das kann ich mir nicht vorstellen.›» Und weiter: «Es fällt mir sehr schwer, leicht ist nichts daran, aber es ist simpel: Ich muss mich hier ganz klar von meinem Freund Christian distanzieren, muss das deutlich benennen, weil Schweigen nicht ganz zu Unrecht aufgefasst werden könnte als Billigung. Es ist an niemandem sonst als an uns Männern, festzustellen, anzuerkennen und zu verurteilen, dass die allermeisten Gewalttaten gegenüber Frauen innerhalb von Beziehungen stattfinden. Und dass die Täter eben nicht nur irgendwelche düsteren Gestalten aus Statistiken sind, sondern dass darunter auch Menschen sind, die wir bewundern oder lieben.»
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