Heute ist der internationale Tag der Frau. Ich habe mir lange überlegt, was ich dazu schreiben soll. Ich könnte an dieser Stelle über Gleichstellung sprechen – oder vielmehr über fehlende Gleichstellung. Ich könnte über all die Femizide sprechen, die in der Schweiz in den letzten zwölf Monaten passiert sind oder über die Tatsache, dass unsere Gesellschaft noch immer nicht checkt, dass Femizide das Resultat einer Gesellschaft sind, die Frauen zu wenig schützt und Täter nicht stoppt.

Oder ich könnte – so wie ich es im letzten Jahr gemacht habe – über all die Dinge nachdenken, die mich im Alltag so unglaublich nerven, weil sie mir vor Augen führen, wie sehr uns das Patriarchat noch immer im Griff hat. Diese Liste ist in diesem Jahr munter gewachsen: Die Epstein Files und all die Männer, die darin vorkommen und dennoch einfach so davonkommen. Markus Söder, der Deutschlands Industrie abwertend als «Dame ohne Unterleib» verglich. Oder Donald Trump, der kürzlich am Telefon mit dem US-Eishockeyteam nach deren Olympia-Gold darüber witzelte, dass er halt auch die Frauen einladen müsse zur Feier ins Weisse Haus, sonst werde er wohl impeached. Gejauhle und Gelächter in der Kabine. Das Frauenteam hat ebenfalls Gold geholt, notabene.

Doch stattdessen habe ich mir überlegt, was dieser Tag heute und hier im Jahr 2026 für mich persönlich bedeutet.

💖 Das habe ich diese Woche geliebt:

  • Die Tante, Part 1: Ich habe meine Nichte gehütet und – aus Zufall – standen wir zwei mit passenden roten Socken auf dem Spielplatz.

  • Oh Canada: Ich bin beruflich gerade in Kanada – mehr dazu im nächsten Newsletter – und ich bin ganz entzückt darüber, wie freundlich die Leute hier sind. Make kindness great again! (Und Ahornsirup-Guetzli sind der absolute Hit!)

  • Apropos: Ich war gestern bei einem Hockey-Match der Toronto Maple Leafs und musste nach jeder Schlägerei auf dem Eisfeld an die Serie «Heated Rivalry» denken, was dazu führte, dass ich jede Provokation im Spiel als süsse Flirterei empfand.

  • Die Tante, Part 2: Mein Neffe hat nun ein Handy. Das heisst, er ruft mich nun an, um mir zu erklären, von welcher Hockey-Mannschaft ich ihm einen Cap mitbringen kann, wenn ich denn gern möchte. Hehe. Im Hintergrund höre ich seine Kollegen plappern. Kurz bevor er auflegt, höre ich, wie einer seiner Freunde sagt: Wer war das? Er antwortet im breiten Bündnerdialekt: «D Tanta». Ich fühle mich auf den Schlag 20 Jahre älter.

    Hockey, Ahornsirup und cute Socken.

😤 Das habe ich diese Woche gehasst:

  • Spielplatz-Aggressionen: Aus dem Nichts flog ein Stein am kleinen Kopf meiner Nichte vorbei. Ich drehte mich um und sah, wie ein Vater mit seinem Sohn schimpfte und sich sofort entschuldigte. Ähm, wie gefährlich sind denn bitte Spielplätze? Ich war überfragt: Was ist das Protokoll in so einer Situation?

  • Schlechte Kommunikation: Ich habe mich diese Woche selbst über mich geärgert. Ich habe dieses - vielleicht leichte fehlerhafte – System auf WhatsApp: Wenn ich eine Nachricht unbedingt beantworten will, dafür aber Zeit brauche, dann lasse ich sie ungelesen. Leider rutscht so eine Konversation dann manchmal runter und ich vergesse sie, was dazu führt, dass mir manche Nachrichten viel zu lange unbeantwortet bleiben.

  • Dubai-Influencer: Ich nerve mich so sehr über die ganzen Creators und Influencer:innen, die sich als Opfer des Nahost-Konflikts zelebrieren, weil ihre Wahlheimat Dubai oder Abu Dhabi «plötzlich» ein Kriegsgebiet und nicht mehr nur eine Steueroase ist. Ich checke, dass ihre Angst real ist, aber ein bisschen Mitgefühl wäre vielleicht angebracht? Denn was ist denn mit all den Menschen, die nicht einfach kurz nach Deutschland oder die Schweiz fliehen können, wenn es unangenehm wird?

Vor ein paar Wochen hat mich ein Freund gefragt, was meine Identität als Mensch heute am meisten präge. Er habe den Eindruck, dass bei mir «Frau sein» an erster Stelle stehe, weil ich alles immer durch die Brille der Feministin betrachte.

Ich dachte lange darüber nach.

Ich weiss nicht, ob die Theorie meines Freundes stimmt. Ich habe das starke Gefühl, dass mein Drang, zu kommunizieren, Geschichten zu erzählen, Fragen zu stellen, mich am meisten definiert.

Was ich aber auch weiss: Ich kann nicht mehr nicht durch die Brille der Feministin schauen.

Und deshalb ist das, was ich an diesem 8. März spüre, eine Mischung aus Nähe und Erschöpfung. Nähe zu anderen Frauen, zum Kollektiv, zu dem Gefühl der Stärke, das ich fühle, wenn ich gute Texte von Kolleginnen lese, wenn ich sehe, dass Frauen auf die Strassen gehen, wenn ich spüre, dass ich nicht alleine bin.

Und gleichzeitig fühle ich eine unglaublich schwere Last. Ein Rucksack, der schwer auf meinem Rücken liegt, den ich seit Jahren mit mir mitschleife, der mich oft müde macht und nicht selten auch sehr wütend. Den ich nicht ablegen will, aber auch nicht ablegen kann.

In diesem Rucksack habe ich all die Hoffnungen eingepackt. Die Hoffnung in politische Veränderung, die Hoffnung in eben dieses Kollektiv. Die Hoffnung, die mir eine Freundin gibt, die mir erzählt, wie sie ihre Söhne erzieht. Die Hoffnung, die ich spüre, wenn ich sehe, wie Freundinnen trotz PMS-Krise wichtige Meetings stemmen und brillieren. Oder die Hoffnung, die ich spüre, wenn ich Frauen aus meinem nahen Umfeld sehe, die schwanger sind. Dann denke ich: Wie kann es bitte sein, dass irgendjemand auf dieser Welt denkt, wir seien das schwächere Geschlecht?! Wir sind fucking Heros.

Natürlich ist dieses Narrativ des schwachen Geschlechts Teil des patriarchalen Systems. Und dabei wären wir eben bei dem restlichen Kram in meinem Rucksack. Bei den Kilos von Enttäuschungen und Verletzungen. Bei Epstein. Bei Trump. Bei den Zahlen von häuslicher Gewalt. Bei den Idioten einer Zürcher Zunft, die ich neulich an einem Nebentisch hatte und die lauthals rassistische und sexistische Sprüche machten. Bei Pink Tax, Gender Gaps und Kämpfen um reproduktive Rechte. Bei all den kleinen Sexismen, gegen die ich in meinem Leben schon angekämpft habe.

Das klingt nicht empowernd, ich weiss. Ich wünschte, ich könnte hier mehr Konfetti versprühen. Ich wünschte, ich könnte inspirierende Memes posten und daran glauben, dass sie helfen. Aber nach all den letzten Monaten und Wochen kann ich das eben nicht mehr.

Ich bin so müde, so erschöpft. Ich kann keine Diskussion mehr eingehen zu #notallmen, wenn gleichzeitig so viele Männer ganz öffentlich Täter sind, Täter werden oder Täter waren.

Und ich bin erschöpft, weil es eine Stimme in meinem Hinterkopf gibt, die selbst bei diesen Zeilen, die ich hier schreibe, fürchtet, dass ich abgestempelt werde als anstrengende Feministin. Ein Label, das ich schon oft in meinem Leben erhalten habe. Ein Label, das in unserer Gesellschaft nicht unbedingt ein Türöffner ist.

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