Die meisten Leute wissen, dass das amerikanische Erntedankfest – besser bekannt als Thanksgiving – am letzten Donnerstag im November stattfindet. Hier in Europa hat sich dieses Datum nicht zuletzt etabliert, weil gleich danach der Black Friday folgt, die grosse vorweihnachtliche Rabattschlacht.

Was die wenigsten wissen: Am dritten Donnerstag im November findet ebenfalls ein grosser Feiertag statt. Der Beaujolais Nouveau Day. Ab 00:01 Uhr darf der junge Rotwein aus dem Burgund offiziell serviert werden. Wie bei allen wichtigen kulinarischen Regeln in Frankreich ist auch diese gesetzlich verankert: 1985 legte das Institut National des Appellations d'Origine diesen dritten Donnerstag als einheitlichen Veröffentlichungstermin fest. (Das französische Gesetz regelt übrigens auch, dass ein Baguette Tradition nur vier Zutaten enthalten darf: Weizenmehl, Wasser, Salz und Hefe. Sobald andere Zutaten hinzugefügt werden, darf das Brot nicht mehr «Tradition» heissen. Die Franzosen verstehen bei solchen Dingen wirklich keinen Spass.)

Der Beaujolais Nouveau Day wird gefeiert – mittlerweile übrigens nicht nur in Frankreich, sondern auf der ganzen Welt. Man trifft sich in Restaurants, trinkt Wein und tauscht sich – so haben es mir Franzosen und Französinnen erklärt – über den Jahrgang aus. Während sich eigentlich alle am Tisch einig sind, dass der Beaujolais kein wirklich guter Tropfen ist. Fruchtig, ja. Jung, sicher. Aber ein grosser Wein? Eher nicht.

Und trotzdem hat es dieser ursprünglich regionale Bauerntrunk zu einem weltweiten Phänomen geschafft. Der Grund dafür hat einen Namen: Georges Duboeuf. Der französische Winzer inszenierte in den 1970er-Jahren die Veröffentlichung des Nouveau wie ein Event – mit Countdown, Partys in Paris und dem legendären Slogan «Le Beaujolais Nouveau est arrivé!».

Wein ist sowieso schon populär in Frankreich. Aber der Beaujolais hat eine ganz besondere Geschichte.

Duboeuf hat etwas geschafft, das mich fasziniert: Er hat aus etwas eher Mittelmässigem eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die so gut ist, dass sich heute auf der ganzen Welt Menschen treffen, um mittelguten Wein zu trinken. Wenn das mal kein gutes Beispiel für überzeugendes Storytelling ist.

Und deshalb hat mich der Beaujolais diese Woche irgendwie inspiriert. Ich schreibe hier ja regelmässig über Dinge, die ich liebe oder hasse. Aber das alles hat mich daran erinnert, wie selten wir das feiern, was einfach nur okay ist.

💖 Das habe ich diese Woche geliebt

  • Es hat zum ersten Mal geschneit in Zürich! UND! ICH! LIEBE! SCHNEE! (Es waren wirklich nur winzige Flocken und sie sind natürlich auch nicht liegen geblieben, aber es war ganz definitiv Schnee!)

  • Ich habe mir vorgenommen, mehr Dinge einzumachen – und zack, habe ich geliefert: Mein erstes Werk ist eingemachter Rettich. Und nicht irgendein Rettich, sondern dieser wunderbare, zweifarbige, der pink leuchtet. Ich finde, Gemüse einzulegen, gibt einem auf eine sehr gute Art und Weise das Gefühl, das eigene Leben im Griff zu haben.

  • Mein Tennis-Unterricht hat wieder angefangen und ich liebe es, jede Woche Neues zu lernen – etwa, dass meine offene Vorhand stärker ist als die geschlossene. Who would have thought?!

  • Ich war in Kopenhagen für eine Konferenz und hatte am Abend davor eine Date Night mit mir selber. Beste Zeit.

  • Zimtrollen! Natürlich habe ich in Kopenhagen zugeschlagen. Und damit steht mein Backprojekt für den nächsten Monat auch schon fest.

😤 Das habe ich gehasst:

  • Die Tatsache, dass Präsident Trump eine Journalistin «Piggy» nennt und damit durchkommt.

  • Die Tatsache, dass die Schweiz Donald Trump Gold und eine fette Rolex für seinen Schreibtisch schenkt und damit durchkommt.

Vielleicht feiern wir das Okay so selten, weil wir kulturell gar nicht mehr darauf vorbereitet sind. Unsere Zeit ist binär geworden: Dinge gelten als Erfolg oder Scheitern. Als viral oder irrelevant. Als perfekt oder peinlich (Cringe-Alert!). Es gibt kaum noch Raum für das Dazwischen – obwohl unser Leben doch zu einem grossen Teil genau dort stattfindet.

Ich feiere es, dass auf Social Media nicht mehr alles so beige und inszeniert wirken muss. Dass wir langsam lernen, auch das Unperfekte zu zeigen. Und gleichzeitig beobachte ich etwas Interessantes: Wenn ich hier im Newsletter – wie in der letzten Ausgabe – oder auf Instagram schreibe, dass es mir gerade nicht so gut geht, dann melden sich manchmal Leute aus meinem engsten Umfeld und fragen: Geht es dir gut? Müssen wir uns Sorgen machen?

Die Wahrheit ist: Es geht mir manchmal gut, manchmal nicht, und oft geht es mir okay. Mir geht es Beaujolais Nouveau okay.

Ich habe genau darüber eine Instagram-Story gemacht, und das Feedback war enorm. So viele von euch haben mir geschrieben, dass das Leben gerade ultra anstrengend ist. Dass sie müde sind. Dass sie den November in den Knochen spüren. Vielleicht ist das einfach das Ende des Jahres. Vielleicht ist es auch mehr.

🔒 Hinter der Paywall erzähle ich euch, was ich über öffentliche Verletzlichkeit gelernt habe – und warum ich trotzdem weitermache. Plus: Wie ich damit umgehe, wenn Ehrlichkeit als Alarmsignal gelesen wird.

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