Okay, okay, okay… Dieser Newsletter hätte eigentlich schon gestern in eurem Postfach liegen sollen. Aber das tat er nicht. Der Grund? Ein schwerwiegender, dramatischer, unerträglicher, nervenaufreibender Fall von Writer's block - oder, pragmatischer, auf deutsch: eine Schreibblockade.
Ich tigerte nach jedem Absatz durch meine Wohnung. Ass kalte Pizza vom Vorabend, schaute die letzte Episode von «Special» auf Netflix (Empfehlung!), recherchierte auf Reddit Hintergrundinformationen zur aktuellen «Love is Blind»-Staffel. Irgendwann verschob ich mein Leid in ein Café, wo ich weitere drei Stunden über meinem Text brütete. Aber egal wie ich es drehen oder wenden wollte, der Text war nicht dort, wo ich ihn haben wollte. Also klappte ich den Laptop zu – und machte mir Sorgen. Was, wenn diese Blockade andauert? Was, wenn ich nicht mehr schreiben kann? (THE DRAMA!)
Und jetzt? Jetzt schreibe ich all das so ehrlich wie möglich auf, in der Hoffnung, dass jegliches bad juju davon fliegt. Uff.
💖 Das habe ich diese Woche geliebt
Neues Talent unlocked? Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben selber Sushi gemacht und auch wenn die Rollen noch um Einiges schöner werden können, waren sie total lecker. Mein TikTok ist nun voll mit Tutorials und ich bin hooked!
TULPEN! Ich liebe, liebe, liebe Tulpen! Ich hatte die letzten Tage ein paar dunkelviolette, volle Tulpen auf meinem Schreibtisch stehen und ich konnte mich kaum daran satt sehen, wie sie wild in alle Richtungen gewachsen sind mit ihren munteren Köpfchen.
Kritzelfieber: Ich habe auf Instagram eine Skizzen-Challenge gesehen, die mich nicht mehr loslässt. Man zeichnet auf einen Zettel 16 Kreise, Ovale oder Formen seiner Wahl und muss dann aus diesen Formen kleine Zeichnungen erstellen. Das ist mein neuer Zeitvertreib zwischen Meetings.
Herbert? Herbert! Meine Freundin sich zu ihrem Geburtstag gewünscht, dass wir gemeinsam zum Herbert Grönemeyer Konzert gehen. Und auch wenn ich selbst jetzt kein Fangirl bin, war ich wirklich beeindruckt. Zum einen hat Grönemeyer nicht nur eine komplett ansteckende Energie, er hat sich auch mehrfach sehr politisch geäussert und betont, wie wichtig Vielfalt für die Gesellschaft in Deutschland ist. Das war schön zu hören. Ach, und: Ich werde ausserdem nie nicht weinen, wenn ich «Der Weg» höre.
😤 Das habe ich diese Woche gehasst:
Düstere Tage: Ich weiss, ich habe mich schon darüber beschwert, aber die Tage hier in Zürich sind im Moment unerträglich grau. Ich kann den Frühling wirklich kaum erwarten. Was dagegen hilft: Blumen am eigenen Revers zu tragen.
Wuthering Heights im Kino: Der Film alleine würde nicht in diese Kategorie gehören, ich fand tatsächlich, dass er eigentlich sehr gute Unterhaltung bietet – vor allem auf der grossen Leinwand. Er ist eine klare Adaption der Brontë-Vorlage, darum muss man sich nicht daran aufhängen, dass alles nicht genau so wie im Buch ist. Was mich gestört hat im Kino: Viele Leute im Publikum haben an ganz unmöglichen Stellen gelacht, weil sie vor lauter Horniness auf Hauptdarsteller Jacob Elordi anscheinend ihr Hirn ausgeschalten haben und nicht realisierten, dass sie gerade Szenen eines Missbrauchs anschauen. Das ist der Vorteil von Home-Cinemas: Man muss sich nicht mit der Dummheit anderer Menschen auseinandersetzen.
Apropos: Was ich ganz grundsätzlich hasse, sind Kinos, in denen es kein frisches Popcorn gibt, sondern nur so abgepackte Schachteln. Sollte es nicht eine goldene Regel sein, dass es in einem Kino frisches, buttriges (salziges!) Popcorn gibt?
Aber über was wollte ich denn diese Woche überhaupt schreiben?
Ich habe neulich einen interessanten Artikel in der «NZZ» darüber gelesen, dass Glücksforscher erkennen, dass die sogenannte Smiley-Kurve bei jungen Menschen nicht mehr greift. Bis anhin sah das so aus: Die Lebenslust steigt bis Mitte des Lebens - so Mitte 40 - an, sinkt dann ab und steigt im Alter wieder, was ein «U» ergibt, ein Lächeln eines Smiley. Seit einigen Jahren leidet dieser Trend zunehmend, laut dem «Standard» ist bereits seit 2019 die typische Form nicht mehr nachweisbar: «Das gefühlte Unglück nahm am stärksten bei den Jüngsten zu, stieg aber auch bis Mitte 40».
Natürlich wird untersucht, inwiefern Social Media einen Einfluss auf dieses verstärkte Gefühl des Unglücks haben – und ich bin mir sicher, dass die ständige Beschallung von aussen und das ständige Vergleichen mit anderen nicht hilft.
Für mich ist der noch viel nachvollziehbarere Grund aber ein anderer. Die Gen Z sei von Eltern erzogen worden, die die Überzeugung hätten, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg und zu einem guten Leben sei, schreiben die Autorinnen der NZZ. Das Gleiche gilt auch für meine Generation, für die Millennials. Wir haben alles richtig gemacht – studiert, gearbeitet, uns angestrengt. Und trotzdem greift das Versprechen nicht mehr.
🔒 Hier wäre eine Paywall. Dieser Newsletter kommt einen Tag zu spät – also schenke ich euch heute den kompletten Text. Aber falls ihr meine Arbeit schätzt und sie möglich machen wollt: Eine Mitgliedschaft bekommt ihr schon ab 5.90 Euro / 5.50 Franken. Jede einzelne zählt und bedeutet mir unglaublich viel. Danke, dass ihr hier seid! 💛
Ich glaube, dass die Basis für die kaputte Glückskurve eine gewisse Ernüchterung ist. Das ist schmerzhaft und frustrierend. Anzuerkennen, dass man vielleicht nicht an dem Punkt im Leben ist, an dem man dachte zu sein. Dass sich Lebensentwürfe ändern, dass man manchmal Schmerz und Trauer aushalten muss, wo man doch eigentlich Glück und Liebe und Erfüllung suchte. Menschen sind nicht mehr mit den Partner:innen zusammen, mit denen sie eine Familie geplant hatten, andere mussten sich von ihren Eltern viel zu früh verabschieden, wieder andere mussten sich von Lebensentwürfen trennen, weil Kinderwünsche nicht immer in Erfüllung gehen oder Traumjobs doch nicht so traumhaft sind.
Bei unserer Generation kommt hinzu, dass diese Ernüchterung genährt wird von der Erkenntnis, dass Systeme, an die man ein Leben lang geglaubt hatte, vielleicht nicht mehr greifen. Ich selbst beispielsweise habe im letzten Jahr realisiert, dass ich nicht mehr länger die Bestätigung von grossen Legacy-Medienhäusern suchen möchte, um das Gefühl zu haben, erfolgreich zu sein.
Das ist keine leichte Erkenntnis, sie ist mit Schmerz verbunden, mit Enttäuschung und mit grosser Unsicherheit. Ich musste mir eingestehen, dass mir die Sicherheit, die ich suchte, nicht mehr von Legacy Media gegeben werden kann. Wie auch, wenn ständig gespart wird?

Ein kleiner Reminder an meinem Kühlschrank.
Genau solche Gedankengänge erkenne ich auch in Gesprächen mit meinen Freund:innen wieder. Vor allem von denen, die auch in der Medien- oder Kommunikationsbranche tätig sind. «Ich musste realisieren, dass die Medienbranche mir nicht die Zukunft geben kann, auf die ich hingearbeitet habe», sagte mir eine Freundin neulich. «Ich glaube, wenn ich nicht etwas nebenbei mache, dass mir Sinnhaftigkeit gibt, würde ich im Corporate Leben komplett abstumpfen», sagte eine andere.
Wir sind mit der Idee aufgewachsen, dass, wer sich ins Zeug legt, wer viel arbeitet, sich gut ausbildet, auch dafür belohnt wird. Tatsache ist aber, dass es heute viel komplizierter geworden ist. Schweiss und Fleiss garantieren dir kein Lächeln mehr auf deiner Glückskurve. Wirtschaftliche Unsicherheiten, technologische Entwicklung, geopolitische Spannungen – nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unser Jetzt fühlt sich volatil an.
Wie kann man darauf reagieren? Ich glaube, die Antwort ist: Wir hören auf zu warten. Wir suchen uns die Freude, die wir verdient haben.
In den letzten Monaten ist mir etwas aufgefallen. Gleich mehrere meiner Freundinnen, die Mitte 30 sind, haben sich Side-Hustles aufgebaut. Egal ob das ein kreatives Projekt nebenbei ist oder der Versuch, eine komplette Selbstständigkeit aufzubauen: Sie alle machen ihr eigenes Ding.
Michèle hat ihr eigenes Yoga-Studio eröffnet, Sara häkelt Taschen, die sie verkauft. Annik und Gloria führen Retreats durch, bei denen man zusammen lesen und Yoga machen kann. Gabriella hat einen Newsletter zu reproduktiven Rechten und organisiert Schreibzirkel, Gina unterrichtet Spinning- und Sport-Klassen und Karin hat ebenfalls eine Yoga-Ausbildung gemacht. Chiara hat soeben einen Malkurs lanciert, bei dem man sich in ihrem Atelier treffen und der eigenen Kreativität nachgehen kann. Sie hat mich in eine Testklasse eingeladen und zu sehen, mit wie viel Herzblut sie diesen Kurs gestaltet hat, wie viel Sorgfältigkeit und Leidenschaft in dieses Projekt fliesst, hat mich als Freundin stolz gemacht.
Bei all diesen Beispielen gibt es ein wiederkehrendes Thema – und nein, ich meine nicht, dass fast alle in der Medienbranche arbeiten, und ich meine auch nicht Yoga (wir sind Millennials, get over it). Ich meine: All diese Frauen haben Leidenschaften, die sie schon lange pflegen, zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebens gemacht. Das sind Dinge, die nicht unbedingt zu einem linearen Karriereweg gehören, aber die ihnen Freude bereiten. Bei manchen bleiben diese Side-Hustles vielleicht kreative Nebenprojekte, bei anderen werden komplett neue Lebensentwürfe daraus entstehen.
Wir alle haben aufgehört zu warten. Ja, die Glückskurve unserer Generation ist vielleicht kaputt. Das Bildungsversprechen hat sich nicht eingelöst. Die alten Systeme, an die wir geglaubt haben, geben uns nicht die Sicherheit, die wir uns erhofft hatten. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wir bauen uns unser Glück jetzt selbst. Und das reicht.
💌 Zu guter Letzt
Ein paar Tipps für euch:
• Ich lese die Biografie von Gisèle Pelicot und bin absolut berührt von ihrer Ehrlichkeit. Ich werde definitiv in der nächsten Podcastfolge darüber reden.
• Dieses Wochenende getrunken und für mich selbst einfach mal wieder als unglaublich lecker empfunden: ein guter, alter «Campari Spritz».
• Wer ebenfalls Millennial ist und mit fragwürdigen Schönheitsidealen aufgewachsen ist, sollte sich die Dokus «Reality Check» auf Netflix ansehen
• Ausserdem sehr berührend: Die Ukraine-Reportage aus dem «Magazin» von Sascha Britsko

Mit Liebe,

Zu meiner Person: Ich bin Journalistin, Podcasterin und Moderatorin. Ich war zuletzt in der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» tätig und davor stellvetretende Chefredaktorin bei «annabelle». Ich schreibe und rede über Politik, Popkultur, Zeitgeist- und Lifestyle-Themen und über Dinge, die mich in meinem Leben gerade beschäftigen. Du kannst meinen gleichnamigen Podcast «Hasse mit Liebe» auf Spotify oder Apple Podcast streamen oder auf Youtube anschauen. Schön, dass du hier bist!