«You just had to be there», schrieb Kylie Jenner vor ein paar Tagen unter eine Bilderreihe von ihr aus dem Jahr 2016. Man sieht sie darauf mit rosa Haaren, mit scheuem Selfie-Blick, mit engen Jeans und Supreme-Hoodie.

Jenner folgt dem Throwback-Trend, der seit Anfang des Jahres eine kollektive Nostalgie auf Social Media verbreitet. Mein Feed wurde in den letzten Wochen von entsprechenden Posts überschwemmt. Es sind Schnappschüsse aus einer Zeit, in der Social Media noch irgendwie... unschuldiger war. Weniger perfekt, weniger beige – wenn auch garantiert nicht weniger gefiltert. Die Filter damals waren einfach nicht ganz so gut.

Deshalb gab es viele Selfies in körnigen Sepia-Tönen oder mit nostalgisch-rosigem Schimmer. Rückblickend kann man die Anfänge der westlichen Internet-Kultur sehen, die uns bis heute prägt: Die Inszenierung von Avocado-Toasts, Açaí-Bowls und Latte-Art. Aber auch von Mode, damals vor allem mit Chokern, Hüten, Lederjacken und Skinny Jeans. Es war der Beginn der Influencer-Kultur: Brands wurden getaggt, Blogger wie Chiara Ferragni kopiert, wir wurden überflutet mit Bildern von Frauen, die gerade über eine Strasse laufen und huch! dabei fotografiert werden (#ootd) oder über eine Kaffeetasse hinweg in die Kamera blinzelten (#blessed). Jenner und ihre Schwestern waren damals die Königinnen der Snapchat-Filter. Ich kann mich daran erinnern, wie ich Snapchat auf mein Handy lud, nur um auch Selfie-Videos mit Hundezungen und Blumenkränzen zu posten.

2016 in a Selfie-Nutshell.

(Fun Fact: Im Februar 2018 twitterte Kylie Jenner, dass sie Snapchat nicht mehr nutze. Dieser Tweet trug zu einem Wertverlust von 1,3 Milliarden Dollar für Snapchat bei. Alles, was es brauchte: ihr knapper Kommentar «Sooo does anyone else not open Snapchat anymore?»)

💖 Das habe ich diese Woche geliebt

  • Warme Füsse: Meine Eltern haben mir Schuhe des Schweizer Labels Inuikii zu Weihnachten geschenkt und es sind schlicht und einfach die wohligsten, bequemsten Stiefel, die man sich vorstellen kann.

  • Mimosen: Es ist die Zeit im Jahr, in der man die kleinen, gelben, fluffigen Blümchen kaufen kann. Ich liebe, wie sehr mir diese Blumen gute Laune bereiten. Und frage mich gleichzeitig, ob es irgendeinen Trick gibt, dass sie ein wenig länger halten?

  • Gute Lovestory: Ich habe endlich «Heated Rivalry» gesehen und ich bin, wie so viele andere, sehr entzückt. Die Serie erzählt die Geschichte von zwei Profi-Eishockeyspielern, die sich ineinander verlieben. Was ich dazu noch sagen muss: Ich fand die ersten zwei Episoden eher langatmig und hatte ausserdem – weil ich den Plot nicht kannte – die ganze Zeit Angst, dass irgendetwas Schlimmes passieren würde. Wahrscheinlich, weil ich mir popkulturell einfach gewöhnt bin, dass eine versteckte, homosexuelle Liebe kein Happy End haben kann. Ich will nicht zu viel verraten, ausser: Die Serie hat mich ab Folge 3 auf mehreren Ebenen überrascht.

  • Grau auf Grau: Ich sitze hier an meinem Fenster und blicke hinaus und sehe – wie fast immer in der letzten Woche – fifty shades of Zurich grey. Ich möchte bitte, bitte ein wenig Sonne.

  • WTF am WEF: Ganz viele Sachen haben mich in Davos genervt. Etwa die Misogynie von Trump gegenüber Karin Keller-Sutter oder die Arroganz von Gavin Newsom. (Ich gebe ihm recht, dass die europäischen Politiker:innen Stärke zeigen müssen, aber dennoch brauchen wir wirklich nicht noch mehr Macho-Energie aus den USA.)

  • It's Fashion, Baby!: Ich nerve mich erstens darüber, dass die Outfits von Naomi Osaka noch immer so einen Aufruhr bedeuten. Es sollte doch mittlerweile bekannt sein, dass sich die Japanerin gerne durch ihre Mode ausdrückt und es ist absolut fantastisch, dass sie sich das traut. Zweitens nervt es mich, dass ständig andere Spielerinnen dazu befragt werden und damit unterschwellig Konflikte geschürt werden sollen zwischen Frauen.

You just had to be there

Well, ich war there. Was also war 2016 so los?

Für mich persönlich war es das Jahr, in dem ich bei annabelle meinen ersten Job anfing. Volontärin im Reportage-Ressort bei annabelle zu sein, fühlte sich an wie ein Sechser im Lotto. (Heute weiss ich, dass es das auch war, weil es leider im Journalismus immer weniger solcher Stellen gibt.) Ich durfte schreiben und reisen und interessante Menschen treffen. Ich durfte bei Mode-Shootings dabei sein und Nagellack-Proben mit nach Hause nehmen. Ich liebte meinen Job. Wenn ich durch meinen Foto-Feed von damals scrolle, sehe ich eine unbekümmerte, junge Kerstin. Voller Elan und voller Leidenschaft für das, was sie macht. Das ist berührend.

Und sonst? 2016 war das Jahr, in dem Pokémon Go lanciert wurde und plötzlich Menschen durch die Stadt jagten, um irgendwo einen digitalen Pikachu einzufangen. Es war ein Jahr, das von Anschlägen geprägt war – in Nizza, Brüssel oder Orlando. Es war das Jahr, in dem George Michael, Prince und David Bowie starben. Das Jahr, in dem der Brexit von der britischen Bevölkerung beschlossen wurde und Donald Trump zum ersten Mal gewählt wurde.

Bei aller Liebe zu romantischen Snapchat-Selfies und nostalgischen Gefühlen für die Millennial-Internetkultur muss ich mich also fragen: Weshalb genau wünschen wir uns jetzt – zehn Jahre danach – dieses 2016 zurück?

Die offensichtliche Antwort ist natürlich Nostalgie. Und der Wunsch, dem Jetzt zu entfliehen. Das kann ich verstehen. Als ich diese Woche die Bilder des kleinen Liam sah, der in Minnesota von ICE-Soldaten dazu genutzt wurde, seine Familienmitglieder aus dem Haus zu locken, sass ich weinend vor meinem Handybildschirm. Und das war bevor am Samstag erneut ein junger Mann von ICE-Mitarbeiterin auf offener Strasse erschossen wurde. Ich denke in letzter Zeit immer wieder: Wenn ich jetzt könnte, würde ich den Planeten wechseln. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der sich der Faschismus gerade so bedrohlich schnell und scheinbar unaufhaltsam ausbreitet. Ich würde mir gern ein Ticket kaufen und schauen, wie die das auf dem Mars oder Mond so regeln. Einfach mal kurz auschecken.

Ist diese aktuelle Besessenheit mit der Vergangenheit einfach das? Nostalgie nach einfacheren Zeiten? Die eigentlich gar nicht so viel einfacher waren? Ich glaube, dass da noch mehr dahinter steckt.

🔒 Im Paid-Bereich teile ich mit dir: Warum der Millennial Optimism von 2016 mehr war als nur naive Hoffnung – und was wir daraus für heute mitnehmen können.

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